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Kaiserschnitt auf Wunsch - Strenge Anforderungen an Aufklärung

15. Mai 2020

Geburtsschadenfälle sind nicht nur für die Betroffenen besonders tragische Ereignisse. Sie begründen bei bestehender Haftung auch außerordentlich hohe Schadensummen, die Kliniken wie Betriebshaftpflichtversicherer vor erhebliche Probleme stellen. Die Schadensverhütung ist daher von besonderer Bedeutung. Gerade bei einer Wunschsectio ohne medizinische Indikation sind die Anforderungen an die Aufklärung ausgesprochen hoch, wie das OLG Hamm (Urteil vom 10.12.2019, Az. 26 U 2/18) entschied.

Die Kläger, d.h. der Ehemann sowie die beiden Kinder der Verstorbenen, machten Schadensersatz und Schmerzensgeld gegenüber der Klinik, in der die Mutter bei der Geburt eines der Kinder verstarb, geltend. Sie warfen dem Krankenhausträger eine fehlerhafte Behandlung und mangelhafte Aufklärung vor.

Der Fall

Die Kindesmutter stellte sich am 21.06.2012 in der 39.+1 Schwangerschaftswoche wegen des Verdachtes auf einen vorzeitigen Blasensprung und wegen leichter vaginaler Blutung in der Klinik vor. Beabsichtigt war zunächst eine vaginale Entbindung. Um 23.00 Uhr äußerte die Kindesmutter im Kreißsaal schließlich den Wunsch nach einer Sectio. Zu diesem Zeitpunkt war der Muttermund bereits 6 cm geöffnet und die Wehen wurden deutlich kräftiger. Nach einer etwa 6-minütigen Aufklärung und der Unterzeichnung des Aufklärungsbogens durch die Kindesmutter erfolgte gegen 23.28 Uhr der Transport in den Operationssaal. Es entwickelte sich im weiteren Verlauf eine nicht mehr zu kontrollierende Blutung, wobei die mitbeklagte Oberärztin wegen einer parallel verlaufenden Risikogeburt für 14 Minuten den OP-Saal verlassen musste. Trotz eingeleiteter Gegenmaßnahmen konnte die Blutung nicht gestoppt werden, so dass um 00.45 Uhr eine Re-Laparotomie erfolgte. Es zeigten sich arterielle Blutungen, so dass schließlich der Chefarzt der Frauenklinik und der Oberarzt der Gefäßchirurgie hinzugezogen wurden. Während der Operation war mehrfach eine Reanimation erforderlich und die Patientin wurde katecholaminpflichtig. Am Folgetag wurde nochmals eine Re-Laparotomie durchgeführt. Dennoch verstarb die Kindesmutter nach Multiorganversagen.

Nachdem die Klage erstinstanzlich abgewiesen worden war, entschied das OLG Hamm in der Berufungsinstanz, dass die Ansprüche dem Grunde nach begründet seien.

Die Entscheidung

Im Rahmen einer reinen Wunschsectio ohne medizinische Indikation, die von beiden Sachverständigen übereinstimmend verneint worden ist, habe eine regelmäßig sorgfältige Planung einer solchen Operation auch unter personellen Gesichtspunkten zu erfolgen. Bei einer sekundären Sectio - also nach Geburtsbeginn – bestehe ein beachtenswert höheres Risiko, die Uterusgefäße zu verletzen, so dass ein höheres Risiko sowohl für das Kind als auch die Mutter bestehe. Nach Feststellung des Sachverständigen müsse daher sichergestellt sein, dass eine solche Wunschsectio in jedem Fall mit der zuvor genannten Sorgfalt unter Berücksichtigung aller personellen und organisatorischen Ressourcen wie bei einer geplanten Sectio durchgeführt wird. Eine solche Situation sei vorliegend in der Nacht außerhalb der Kernarbeitszeit nicht sichergestellt. Die zuständige Oberärztin musste sogar während der Operation bei noch bestehender Blutung den OP-Saal für 14 Minuten verlassen, um bei einer parallel verlaufenden Geburt, bei der es zum Geburtsstillstand mit pathologischem CTG gekommen war, eine Vakuumextraktion durchführen. In einer solchen Situation dürfe man sich nicht einfach auf den Wunsch der Patientin einlassen, weil es einerseits das erhöhte Risiko bei der sekundären Sectio gebe und andererseits die Kindesmutter davon keinerlei Vorteil habe. Da es sich letztlich um einen medizinisch nicht indizierten Eingriff handele, der nach Ansicht des Sachverständigen der Kindesmutter in dieser Phase keinerlei Vorteil bringe, gelangte der Senat zu der Ansicht, dass einer Mutter, die so überraschend einen solch unvernünftigen Wunsch äußere, auch die bestehende Gefahr des Todes deutlich vor Augen geführt werden müsse. Ähnlich wie auch bei reinen Schönheitsoperationen müsse eine sehr harte Aufklärung erfolgen, die dem Patienten deutlich vor Augen führt, in welche Gefahren er sich durch einen nicht notwendigen operativen Eingriff bringe.


Fazit

In deutschen Geburtskliniken ist die Rate der Kaiserschnitte seit Jahren auf einem hohen Niveau. Auch wenn die zeitlich schwer planbaren natürlichen Geburtsgeschehen gegenüber einem planbaren Eingriff im Ablauf nachteilig sein mögen, und auch wenn der Wunsch der Kindesmutter in Richtung Sectio geht, ist bei einem solchen Eingriff ohne medizinische Indikation auf eine schonungslose Aufklärung und deren Dokumentation Wert zu legen. Andernfalls besteht ein hohes und vermeidbares Haftungsrisiko.